Anästhesie unter Hypnose
Das Verfahren der Hypnosedierung wurde 1992 in der Uniklinik Lüttich (1) ausgearbeitet und verbindet Anästhesie und Hypnose.
Hypnose hat nichts mit Schlaf zu tun. Es handelt sich eher um einen Zustand äußerster Konzentration bei gleichzeitiger Entspannung. Bei der Hypnose tritt das Unterbewusstsein in den Vordergrund, während das Bewusstsein, das in der Regel hyperaktiv ist, wird auf die geringste Aktivität heruntergefahren. Offensichtlich erleben die meisten von uns regelmäßig leichte Formen eines hypnotischen Schwebezustands. So kommt es manchmal vor, dass wir auf eine Idee oder ein Gefühl so konzentriert sind, dass wir die Realität um uns herum kaum noch wahrnehmen: wir gehen oder fahren einfach weiter, … verpassen die Autobahnausfahrt …
Die ersten Beschreibungen von hypnotischen Zuständen sind schon alt. Allerdings findet die Hypnose erst in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts Einzug in die medizinischen Verfahren. Die Hypnose ist ein ausgezeichnetes Entspannungsmittel und wird seit dieser Erkenntnis in der Medizin eingesetzt, um Angstzustände zu beheben. Aber die wichtigsten medizinischen Forschungen auf diesem Gebiet beziehen sich auf den Einfluss der Hypnose auf das Schmerzempfinden. Es ist nämlich festgestellt worden, dass die Hypnose auf diesem Gebiet sehr wirksam sein kann, denn sie kann die Schmerzreize blockieren, wenn sie im Gehirn ankommen, indem sie den Schmerz durch andere Reize ersetzt. Das ist der Ursprung der Hypnosedierung. Auf diese Weise wurde des möglich, unter Hypnose auf eine Vollnarkose zu verzichten.
Wie verläuft die Hypnosedierung?
Eine Anästhesie unter Hypnose ist nur für bestimmte chirurgische Eingriffe möglich, d.h. kleinere Eingriffe wie die Entfernung von Nasenpolypen, Weisheitszähnen oder plastische bzw. Kiefer- und Gesichtschirurgie, Schilddrüsen, HNO, Gynäkologie (Hysterektomie) usw. Es scheint als könne in allen Fällen, für die in der Regel eine örtliche Betäubung genügt, auch auf eine Hypnosedierung zurückgegriffen werden könne. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die Bereitschaft der Ärzte, dieses Verfahren einzusetzen, in Belgien von Krankenhaus zu Krankenhaus sehr unterschiedlich ist (2).
Die Hypnosedierung erfordert Zeit und Aufwand. Der Patient muss einen entsprechenden Antrag ausfüllen und der Chirurg muss einverstanden sein. Voraussetzung ist also eine Abstimmung und Zusammenarbeit aller Beteiligten.
Wenn also der Eingriff sich für die Hypnosedierung eignet und die Patienten vor der Vollnarkose zurückschrecken, die Hypnose als Alternative wünschen oder eine Gegenanzeige zur klassischen Anästhesie vorliegt, kann auf das Verfahren zurückgegriffen werden.
Wie verläuft die Hypnosedierung? Der mit der Technik vertraute Narkosearzt wird zunächst ein Gespräch mit Ihnen führen. Das ist nichts Besonderes, aber im Verlauf des Gesprächs wird der Arzt Sie auf die Kooperation, Ihre aktive Rolle, Ihre Motivation und Ihr Vertrauen in die Fachleute hinweisen, die die Hypnose durchführen. Sie müssen in jedem Fall freiwillig in dieses Verfahren einwilligen.
Wenn Sie sich diesem Verfahren unterziehen, werden Sie in der Regel vormittags vor dem Eingriff erwartet. Sie erhalten dann eine Stunde vor dem Eingriff ein Beruhigungsmittel.
Im OP-Saal richten Sie sich bequem auf dem OP-Tisch ein, wenn nötig mit Hilfe von Kissen. Das OP-Team wird die üblichen Überwachungsgeräte anbringen (Herzfrequenzmesser, Blutdruckmesser) und bereitet für alle Fälle eine Vollnarkose vor.
Dann beginnt die Hypnose. Der Narkosearzt schaltet eine stechende Musik ein und bitten Sie, sich von ihrer Umgebung loszulösen, indem Sie einen bestimmten Punkt fixieren. Abgesehen von der Musik versinkt der OP-Saal in eine relative Stille, die Signale der Überwachungsmonitoren werden auf eine Mindestlautstärke herabgesetzt und das OP-Team spricht nur im Flüsterton, während der Narkosearzt monoton und langsam spricht und seine Worte wiederholt. Sie gleiten in einen Zustand der Hypnose ab. Ihre Muskeln entspannen sich, Sie verharren regungslos, Ihre Atmungsfrequenz verlangsamt sich. Dieser Bewusstseinszustand hält während des gesamten Eingriffs an, während der Anästhesist weiter spricht und angenehme Erinnerungen in Ihnen hervorruft, die Sie vorher mit ihm besprochen haben (Ferien in den Bergen, Sport usw.)
Sie bleiben also bei Bewusstsein, aber gleichzeitig überflutet Sie ein Gefühl der Entspannung. Sie lösen sich völlig von dem, was im OP-Raum und in Ihrem Körper geschieht, indem Sie aus Ihrer Erinnerung angenehme Augenblicke hervorkramen und diese erneut erleben.
Der Zustand ist ziemlich angenehm, etwa so, wie beim Aufwachen, wenn man noch in seiner Glaskugel verharrt und keine Lust hat, die Augen zu öffnen, obwohl man bereits alles extrem klar wahrnimmt. Unter Hypnose neigen die vom Gehirn erzeugten Bilder allerdings dazu, sich zu verwischen.
Nach etwa zehn Minuten steckt der Chirurg das Operationsfeld ab, das örtlich betäubt wird. Während der gesamten Operation können Sie jedes Unbehagen mit einem Handzeichen oder einem Augenzwinkern mitteilen. Der Narkosearzt beruhigt Sie mit einem Händedruck und deutet dem Chirurgen eine weitere Injektion des Betäubungsmittels an. Die Arbeitsweise des Chirurgen ist präzise und sanft. Das gesamte Team muss sich auf ihre körperlichen und psychologischen Bedürfnisse einstellen. Selbstverständlich erfordert das eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten. Je nachdem, was der Chirurg gerade tut, ändert der Anästhesist seine Worte und mach Sie für das Erlebte aufnahmefähig. Wenn zum Beispiel ein Kaltprodukt injiziert wird, stellt der Arzt die Verbindung zu dem angenehmen Gefühl eines eisgekühlten Erfrischungsgetränks im Urlaub am Swimmingpool her. Wenn der Eingriff zu Ende ist, spricht der Arzt wieder mit normaler Stimme und lässt sie wieder in das normale Bewusstsein gleiten.
Sie bleiben dann noch etwa eine halbe Stunde im Aufwachzimmer, damit die Ärzte die Reaktion auf den Eingriff beobachten können. Danach werden Sie in ein Zimmer gebracht, das Sie normalerweise am nächsten Tag verlassen können.
Gegenanzeichen?
Dieses Verfahren wird nicht vorgeschlagen, wenn Gegenanzeigen vorliegen: Allergien gegen örtliche Betäubungsmittel, Taubheit, psychische Störungen oder Demenz.
Welches sind die Vorzüge der Hypnosedierung?
Die eindeutigsten Vorzüge sind, dass der Patient nach der Hypnosedierung sogleich essen und trinken kann. Brechreiz oder gar Übergeben sind ausgeschlossen und der Patient darf sofort aufstehen.
(1) Dank Dr. med. Marie-Elisabeth Faymonville ist Belgien beim Einsatz dieser Technik führend. Einige europäische Länder (Deutschland, die Schweiz) interessieren sich für das Verfahren, andere setzen es immer häufiger ein (Frankreich).
Ferner hat man festgestellt, dass die Patienten, die zu Gunsten dieses Verfahrens auf eine Vollnarkose verzichtet haben, die Operation in der Regel in angenehmer Erinnerung behalten, hauptsächlich wegen ihrer „aktiven Beteiligung“ an dem Vorgang. Sie sind weniger niedergeschlagen, empfinden weniger Schmerzen nachher, fühlen sich weniger müde und benötigen weniger Medikamente. Aber vor allem, und das ist ein wesentlicher Vorzug, bleiben die Patienten bei vollem Bewusstsein, sodass sie sich viel schneller erholen und wieder auf den Beinen sind.
Florence Coutellier, 2. Dezember 2004
(2) In Belgien kommt die Hypnosedierung bereits in vielen Krankenhäusern zu Einsatz. In einigen Kliniken arbeiten sogar mehrere Narkoseärzte, die in dieser Technik geschult sind. Einige Krankenhäuser geben allerdings zu, dass sie das Verfahren kaum bzw. immer seltener einsetzen wegen der hiermit verbundenen Investitionskosten.
