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Die Grippe – ist es schlimm Herr Doktor?

Während die Herbstgrippewelle auf uns zurollt, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einer drohenden Grippepandemie mit dramatischen Folgen. Fachleute glauben aber, eine solche Katastrophe sei nicht zu befürchten, erinnern gleichzeitig jedoch an den Nutzen der Grippeimpfung. 

Gegenüber der britischen Zeitung The Sunday Telegraph erklärte Dr. Klaus Stöhr, Experte für aufkommende Krankheiten bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), er befürchte „eine weitläufige Grippeepidemie, vergleichbar mit der von 1918-19 (Spanische Grippe, AdR.)“, der 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Ohne die Auswirkungen der Krankheit herunterspielen zu wollen, geben andere Experten sich jedoch gelassener. „Die WHO hat eine allgemeine Erklärung abgegeben. Sie macht auf eine mögliche Gefahr aufmerksam, die uns aber nicht unmittelbar bedroht“, meint Dr. Marie-Luce Delforge, stellvertretende Klinikleiterin im Labor für Virologie im Erasmus-Krankenhaus. 

Von Seiten der Virologen ist zu erfahren, dass das Influenzavirus, das die Grippe auslöst, jährlich 100 Millionen Menschen allein in der nördlichen Halbkugel befällt. In Belgien stecken sich jedes Jahr 100 000 bis 500 000 Menschen an. Eine Pandemie, d.h. eine weltweite Epidemie, kommt alle 10 bis 40 Jahre vor und kann 25 bis 50 Prozent der Weltbevölkerung treffen. „Es ist uns schon bewusst, dass eine solche Pandemie durchaus möglich ist, denn wir hatten seit 1968 keine große Epidemie mehr, aber sie wird nicht von heute auf morgen da sein, und zurzeit deutet nichts auf die Verbreitung eines neuen Stamms hin“, beruhigt Dr. Delforge. 

Wie entsteht eine Pandemie?

Damit eine Grippe-Pandemie entsteht, muss ein neues Virus auftauchen, das sich schlagartig verbreitet und eine immunologisch nicht geschützte Bevölkerung befällt, die diesem Virenstamm niemals ausgesetzt war. Die Grippe entsteht durch Influenzaviren, von denen es mehrere Arten gibt, u. a. A und B. Der Typ A ist aggressiver und hat die dramatischsten Epidemien bzw. Pandemien ausgelöst. Zurzeit kursieren drei Viren: A/H1N1, A/H3N2 und B, erklärt uns Dr. Fernande Yane, zuständig für die Überwachung der Grippeviren in Belgien im wissenschaftlichen Institut der öffentlichen Gesundheit (ISP). H und N stehen für Hämagglutinin – Neuraminidase und beziehen sich auf die viralen Proteine.

Das Vorhandensein tierischer Viren birgt die Gefahr einer genetischen Vermischung und der Entstehung neuer Unterarten, zum Beispiel zwischen einem humanen Influenzavirus und einem Vogelgrippevirus, so Dr. Yane weiter.

Die überbevölkerte Volksrepublik China mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern ist die ideale Brutstätte für Grippeviren, denn auf 9,5 Millionen km² sind alle Zutaten für die Entstehung neuer Viren vorhanden. Zugvögel überfliegen die Zone und bilden das erste Glied der Übertragungskette von Tier zu Mensch. Das Vogelgrippevirus überträgt sich dann auf Schweine. In diesem dicht bevölkerten Staat (135 EW/km²), wo Menschen auf engem Raum mit Hühnern und Schweinen zusammen leben, überträgt das Virus sich leicht vom Tier auf den Menschen. Das Kleinstlebewesen kann sich dank der hohen Bevölkerungskonzentration in den großen Städten rasch verbreiten. Die Pandemie braucht dann nur noch ihre Fangarme auszustrecken. Bisher heißt die Losung jedoch: „Keine Panik, aber wachsam bleiben“, denn während bei 87 % der Grippepatienten keinerlei Komplikationen auftreten, haben einige Patienten dem Virus nichts entgegenzusetzen, im schlimmsten Fall kann es sogar zum Tod kommen. 

Menschliche und wirtschaftliche Auswirkungen

Da die Grippe extrem ansteckend ist (Tröpfchenübertragung durch Husten oder Niesen), sollte sie nicht verharmlost werden. Die Epidemie tritt während der Wintermonate auf und dauert 6 bis 8 Wochen. Die Grippewelle kommt gewöhnlich im November, aber auch im Februar und März. Die Grippeimpfung wird also im Oktober-November empfohlen. Menschen mit einem geschwächten Immunsystem (Krebs, HIV, Behandlung mit Steroiden), chronisch kranke Patienten (Herz-, Atemwegs-, Nierenerkrankung), Diabetiker und Menschen ab 65 müssen sich besonders schützen. Jährlich sterben etwa 1500 Belgier an den Folgen einer Komplikation, die nach einer Grippe auftreten, schätzt Dr. med. Patrick Goubau, Professor für Virologie an der UCL. Die besonders schlimme Grippewelle im Dezember 1989 hat 4900 Menschen in Belgien das Leben gekostet. Laut Aussage dieses Facharztes senkt die Impfung das Sterblichkeitsrisiko um 60 Prozent und die stationären Behandlungen um 50 Prozent. 

Die Influenza hat auch erhebliche wirtschaftliche Folgen, denn die jährlichen Kosten liegen bei etwa 14 Milliarden Euro allein in der nördlichen Halbkugel. In Belgien hat die Epidemie 1995 insgesamt 500 000 Tage Arbeitsausfall verursacht. 

Überwachung der Grippe

Die Fähigkeit der Grippeviren, zu mutieren, erfordert eine ständige internationale Überwachung. Das belgische ISP gehört zum weltweiten Netz der WHO, das die Erforschung der Influenzaviren und den Austausch mit 110 Zentren in 83 Ländern betreibt. Das Programm besteht aus einer Zusammenarbeit von Überwachungs-Ärzten, die Abstriche der Nasen- und Halsschleimhäute vornehmen und Statistiken der Beratungen wegen akuter Atemwegserkrankungen und grippalen Syndromen führen. Die nationalen Grippezentren senden die repräsentativen Erhebungen an vier Zentren, die eng mit der WHO zusammenarbeiten (Atlanta, London, Tokyo, Melbourne) und eine eingehende Analyse vornehmen. Auf diese Ergebnisse stützt die WHO sich jedes Jahr – im Februar für die nördliche Halbkugel und im September für die südliche – um die Erregerstämme zu definieren, die im Impfstoff für die nächste Grippesaison zu berücksichtigen sind. Zweck dieser Übung ist es, im schlimmsten Fall auf die Katastrophe vorbereitet zu sein. 


Marie-Pierre Dubois – Artikel, der am 17. Oktober 2002 in der Krankenkassenzeitschrift EN MARCHE erschienen ist.


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